Sag zum Abschied laut "Auf Widerstand" nicht "Wir nehmen den Hut, wir sagen Adieu, ..." Donnerstagsdemo, 12. September
Ein
bisschen Melancholie und ein gewisses Maß an Ätsch-wir-haben-doch-den-längeren-Atem
mischte sich in die Donnerstagsdemo, die vielleicht die letzte war, jedenfalls
aber die erste, nachdem von MinisterInnenseite überraschend das vorzeitige
Ende der Donnerstagsdemonstrationsperiode verkündet worden war. So laut und
lebhaft ging es schon lange nicht zu. Besonders die Besuche bei den Parteizentralen
von ÖVP und FPÖ erinnerten sehr an Zeiten, als Donnerstagsdemos noch richtige
Donnerstagsdemos waren. Deutlich wurde aber auch signalisiert, dass wir
mit dem bloßen Austausch von Köpfen und Häuptern nicht zufrieden zu stellen
sind, dass der Kampf gegen institutionalisierte Rassismen – immer wiederkehrender
zentraler Inhalt der Protestbewegung der letzten zweieinhalb Jahre – weiter
gehen muss. So führte die Demo nach langer Zeit wieder am Landesgerichtlichen
Gefangenenhaus an der so gen. Zweierlinie und dem Polizeigefangenenhaus an
der Roßauer Lände sowie am Innenministerium vorbei, um Freiheit für Schubhäftlinge,
offene Grenzen und Bleiberecht für alle zu fordern – früher Fixpunkte fast
jeder Donnerstagsdemo.
Mit dabei waren nach übereinstimmenden Zählungen
von TATblatt und einem für die meisten Demoberichte der letzten neun Monate
verantwortlichen Gastautor rund 530 DemonstrantInnen. Die Polizei konnte
laut Medienberichten nur 450 ausmachen. Aus Kreisen des vor ein paar Wochen
aufgelösten, aber möglicherweise wieder zusammengefundenen, selbst ernannten
Aktionskomitees wurden TeilnehmerInnenzahlen von bis zu 1000 an die Medien
gemeldet.
Ob das nun die letzte Donnerstagsdemo war oder nicht, wird
wohl die Geschichte weisen, vermutlich bereits in einer Woche. Für kommenden
Donnerstag, den 19. September, 19.00 Uhr, lädt jedenfalls die Botschaft besorgter
BürgerInnen am Ballhausplatz zur Feier der für diesen Tag angekündigten Auflösung
des Nationalrats – wäre nicht das erste Mal, dass dies zum Ausgangspunkt
einer Demonstration würde.
Noch ein paar Demosplitter: Zum ersten
Mal seit langer Zeit waren die DemonstrantInnen mit überwiegend positiven
Reaktionen von oft applaudierenden oder winkenden PassantInnen konfrontiert. Der
aus der ersten Hälfte des Jahres 2000 bekannte und viel zu früh von Unbekannten
zerstörte schwarzblaue Wolfshund scheint, naturgemäß noch kleinen, Nachwuchs
bekommen zu haben – der über eher bizarr-ironischen Musikgeschmack verfügt,
welcher am Ende der Demo in "We are the Champions" gipfelte. Beim Innenministerium
vergaß die Polizei, wohl aufgrund eher spontaner Routenwahl, das Eingangstor
durch BeamtInnen abzusichern. Kurzzeitig drohte das Tor sich unter DemonstrantInneneinwirkung
zu öffnen, konnte letztlich aber doch dem maßvollen Drängen standhalten,
bis BeamtInnen kamen und vom Sturm des Innenministeriums abrieten.
Route/Ablauf:
Ballhausplatz/Heldenplatz (Losziehen ab ca. 20.05 Uhr) – Burgtor – Ring (Parlament,
TATblatt-Zählung: 530 DemonstrantInnen) – Rathausplatz (entlang von Parlament
und verlängerter Reichsratstraße) – Lichtenfelsgasse (polizeiliche Absperrung
mit Tretgittern und einzelner SWB vor der ÖVP-Zentrale in Höhe Bartensteingasse,
Zwischenkundgebung von 20.25 bis 20.35 Uhr) – Bartensteingasse – Stadiongasse
– Auerspergstraße – Friedrich-Schmidt-Platz – Landesgerichtsstraße (Landesgerichtliches
Gefangenenhaus) – Universitätsstraße – Maria-Theresien-Straße – Schlickgasse
– Schlickplatz – Hahngasse – Grünentorgasse – Roßauer Lände (21.10 bis 21.15
Uhr: Zwischenkundgebung vor PGH) – Franz-Josefs-Kai (TATblatt-Zählung: noch
ca. 350 DemonstrantInnen) – Zelinkagasse – Gonzagagasse (21.25 bis 21.30
Uhr: Zwischenkundgebung an Polizeiabsperrung mit Tretgittern und SWB nächst
der FPÖ-Zentrale an der Ecke zur Eßlinggasse) – Eßlinggasse – Börseplatz
– Wipplingerstraße – Hoher Markt – Lichtensteg – Rotenturmstraße – Stephansplatz
– Stock-im-Eisen-Platz – Graben (TATblatt-Zählung: noch ca. 200 DemonstrantInnen)
– Kohlmarkt – Michaelerplatz – Herrengasse (ca. 22.00 Uhr: Innenministerium)
– Leopold-Figl-Gasse – Minoritenplatz (Bildungsministerium) – Metastasiogasse
– Löwelstraße – Ballhausplatz (Ende ca. 22.20 Uhr)
2.) Quelle : derstandard.at
Feierstimmung bei 131. Donnerstags-Demo "Tschüssl":
Sektkorken und viele fröhliche Gesichter angesichts der Neuwahlen - "Es gibt
selten einen politischen Anlass zu feiern"
Die traditionelle Donnerstagsdemo in Wien gegen die schwarz-blaue Bundesregierung wurde zu einer Freudenkundgebung.
Wien
- "Prost!" - "Willst auch an Becher Sekt?", fragte der Freude strahlende
Donnerstagsdemonstrant die neu angekommene Gesinnungsgenossin. Weiter hinten
knallte unterdessen der nächste Korken: Gestern war wieder Donnerstags-Demo,
die 131. schon. Beim Treffpunkt am Heldenplatz wurde aber sofort deutlich:
Nichts ist so wie sonst, die Regierung von ÖVP und FPÖ - und damit der Gegner
- war abhanden gekommen, auch wenn sie nominell noch im Amt ist. Am kürzesten
drückte es ein Taferl aus, das einer der Demonstranten mit sich führte: "Tschüssl"
war zu lesen. Und das musste gefeiert werden. Manche delektierten sich statt
am Schaum- an Rotwein und forderten später den Sozialismus. Einer der Demonstranten
begründete die fröhliche Stimmung: "Es gibt selten einen politischen Anlass
zum Feiern."
Neben Feiern war aber auch Diskutieren angesagt: Die
neue politische Situation, aber auch die Reaktion der Protestbewegung und
der eigene Beitrag zum Ende der Koalition waren Themen. Eine Demonstrantin
schlug beispielsweise vor, in offenen Foren die Anliegen des Protests zu
artikulieren und die Parteien nach ihren Antworten auf diese Forderungen
zu bewerten. Kurt Wendt, Sprecher des Aktionskomitees "Gegen Schwarz-Blau",
kündigte jedenfalls an, die Donnerstagsdemos bis zu den Wahlen fortsetzen
zu wollen.
Um das Thema dieser noch kommenden Protestmärsche machte
sich der "Trommler" Sorgen, der einer der eifrigsten Manifestanten in den
vergangenen rund zweieinhalb Jahren war und mit so manchem Polizisten seine
- mittlerweile gerichtsanhängige - Privatfehde hegt: "Ich muss weinen: Uns
kommen die Gegner abhanden." Sein schmunzelndes Gesicht machte die Aussage
nicht unbedingt glaubwürdiger.
Unter den Sekttrinkern fand sich auch
ein - lachender - KPÖ-Chef Walter Baier. Obwohl die Gruppierung ihren Richtung
weisenden Parteitag auf diesen Herbst vorverlegt hat, kommt die Wahl nicht
ungelegen, sagte er: "Alles was mit Politik und Aktion zu tun hat, ist gut."
Waren Schampus und Rebensaft neu für die Demos, so gab es auch Konstante:
Zum Beispiel versuchten Vertreter diverser Gruppierungen wie immer ihre Publikationen
an die Demonstranten loszuwerden: "Zur Feier des Tages an Ast (ArbeitnehmerInnenstandpunkt,
Anm.)? Oida, lies amoi wos G'scheit's!"
Eine weitere Konstante war,
dem Kanzler zu zeigen, was man von ihm hielt. Vor dem Bundeskanzleramt stand
ein einsamer Manifestant und stemmte sein Transparent dem Wind entgegen.
"Gestern für Abfangjäger sofort, heute für Aufschub: Falsch, machtgeil, verlogen
- einfach Schüssel!" stand darauf.
Wolfgang Schüssel war überhaupt
eines der Hauptziele: Unter Anspielung auf die Accessoires um den Hals des
Kanzlers und ihren Wandel war auf einem weiteren Taferl zu lesen: "Das Mascherl
drehte sich im Wind, noch biegsamer Krawatten sind!"
Einigen war
etwas später schon zu frisch am Heldenplatz - sie drängten auf den Aufbruch
zur ÖVP-Zentrale. Doch Kurt Wendt, der auf vielen der Demos dabei war und
vor allem am Beginn als Sprecher des Widerstands fungierte, meinte: "Lass'
uns no' a bisserl da bleiben, heut' is' so schön."
Schließlich setzte
sich der Demo-Zug - gegenüber den vorangegangenen Protestmärschen waren wesentlich
mehr Teilnehmer gekommen - zu den Klängen der "Internationalen" und Sprechchören
wie "Haider, verpiss' dich" doch in Richtung ÖVP-Zentrale in Bewegung. Dort
drückten sie mit den obligaten Trillerpfeifen und Schlüsseln ihr Missfallen
aus. Schließlich ging es weiter zur FPÖ-Zentrale und zurück zum Ballhausplatz,
wo in der kommenden Woche die Neuwahlen offiziell gefeiert werden sollen.(APA)