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From: Botschaft besorgter BürgerInnen <botschaftbesorgterbuergerInnen@blackbox.net>
Subject: 2 Donnerstagsdemoberichte, 12 September 2002
Date: 2002-09-14 14:28:31
To:/Anarchy/Botschaft_besorgter_BuergerInnen/

Donnerstagsdemoberichte, 12 September 2002

1.) Quelle : http://www.tatblatt.at/

Sag zum Abschied laut "Auf Widerstand" nicht "Wir nehmen den Hut, wir sagen Adieu, ..."
Donnerstagsdemo, 12. September

Ein bisschen Melancholie und ein gewisses Maß an Ätsch-wir-haben-doch-den-längeren-Atem mischte sich in die Donnerstagsdemo, die vielleicht die letzte war, jedenfalls aber die erste, nachdem von MinisterInnenseite überraschend das vorzeitige Ende der Donnerstagsdemonstrationsperiode verkündet worden war. So laut und lebhaft ging es schon lange nicht zu. Besonders die Besuche bei den Parteizentralen von ÖVP und FPÖ erinnerten sehr an Zeiten, als Donnerstagsdemos noch richtige Donnerstagsdemos waren.
Deutlich wurde aber auch signalisiert, dass wir mit dem bloßen Austausch von Köpfen und Häuptern nicht zufrieden zu stellen sind, dass der Kampf gegen institutionalisierte Rassismen – immer wiederkehrender zentraler Inhalt der Protestbewegung der letzten zweieinhalb Jahre – weiter gehen muss. So führte die Demo nach langer Zeit wieder am Landesgerichtlichen Gefangenenhaus an der so gen. Zweierlinie und dem Polizeigefangenenhaus an der Roßauer Lände sowie am Innenministerium vorbei, um Freiheit für Schubhäftlinge, offene Grenzen und Bleiberecht für alle zu fordern – früher Fixpunkte fast jeder Donnerstagsdemo.

Mit dabei waren nach übereinstimmenden Zählungen von TATblatt und einem für die meisten Demoberichte der letzten neun Monate verantwortlichen Gastautor rund 530 DemonstrantInnen. Die Polizei konnte laut Medienberichten nur 450 ausmachen. Aus Kreisen des vor ein paar Wochen aufgelösten, aber möglicherweise wieder zusammengefundenen, selbst ernannten Aktionskomitees wurden TeilnehmerInnenzahlen von bis zu 1000 an die Medien gemeldet.

Ob das nun die letzte Donnerstagsdemo war oder nicht, wird wohl die Geschichte weisen, vermutlich bereits in einer Woche. Für kommenden Donnerstag, den 19. September, 19.00 Uhr, lädt jedenfalls die Botschaft besorgter BürgerInnen am Ballhausplatz zur Feier der für diesen Tag angekündigten Auflösung des Nationalrats – wäre nicht das erste Mal, dass dies zum Ausgangspunkt einer Demonstration würde.

Noch ein paar Demosplitter:
Zum ersten Mal seit langer Zeit waren die DemonstrantInnen mit überwiegend positiven Reaktionen von oft applaudierenden oder winkenden PassantInnen konfrontiert.
Der aus der ersten Hälfte des Jahres 2000 bekannte und viel zu früh von Unbekannten zerstörte schwarzblaue Wolfshund scheint, naturgemäß noch kleinen, Nachwuchs bekommen zu haben – der über eher bizarr-ironischen Musikgeschmack verfügt, welcher am Ende der Demo in "We are the Champions" gipfelte.
Beim Innenministerium vergaß die Polizei, wohl aufgrund eher spontaner Routenwahl, das Eingangstor durch BeamtInnen abzusichern. Kurzzeitig drohte das Tor sich unter DemonstrantInneneinwirkung zu öffnen, konnte letztlich aber doch dem maßvollen Drängen standhalten, bis BeamtInnen kamen und vom Sturm des Innenministeriums abrieten.

Route/Ablauf: Ballhausplatz/Heldenplatz (Losziehen ab ca. 20.05 Uhr) – Burgtor – Ring (Parlament, TATblatt-Zählung: 530 DemonstrantInnen) – Rathausplatz (entlang von Parlament und verlängerter Reichsratstraße) – Lichtenfelsgasse (polizeiliche Absperrung mit Tretgittern und einzelner SWB vor der ÖVP-Zentrale in Höhe Bartensteingasse, Zwischenkundgebung von 20.25 bis 20.35 Uhr) – Bartensteingasse – Stadiongasse – Auerspergstraße – Friedrich-Schmidt-Platz – Landesgerichtsstraße (Landesgerichtliches Gefangenenhaus) – Universitätsstraße – Maria-Theresien-Straße – Schlickgasse – Schlickplatz – Hahngasse – Grünentorgasse – Roßauer Lände (21.10 bis 21.15 Uhr: Zwischenkundgebung vor PGH) – Franz-Josefs-Kai (TATblatt-Zählung: noch ca. 350 DemonstrantInnen) – Zelinkagasse – Gonzagagasse (21.25 bis 21.30 Uhr: Zwischenkundgebung an Polizeiabsperrung mit Tretgittern und SWB nächst der FPÖ-Zentrale an der Ecke zur Eßlinggasse) – Eßlinggasse – Börseplatz – Wipplingerstraße – Hoher Markt – Lichtensteg – Rotenturmstraße – Stephansplatz – Stock-im-Eisen-Platz – Graben (TATblatt-Zählung: noch ca. 200 DemonstrantInnen) – Kohlmarkt – Michaelerplatz – Herrengasse (ca. 22.00 Uhr: Innenministerium) – Leopold-Figl-Gasse – Minoritenplatz (Bildungsministerium) – Metastasiogasse – Löwelstraße – Ballhausplatz (Ende ca. 22.20 Uhr)


2.) Quelle : derstandard.at

Feierstimmung bei 131. Donnerstags-Demo
"Tschüssl": Sektkorken und viele fröhliche Gesichter angesichts der Neuwahlen - "Es gibt selten einen politischen Anlass zu feiern"

Die traditionelle Donnerstagsdemo in Wien gegen die schwarz-blaue Bundesregierung wurde zu einer Freudenkundgebung.



Wien - "Prost!" - "Willst auch an Becher Sekt?", fragte der Freude strahlende Donnerstagsdemonstrant die neu angekommene Gesinnungsgenossin. Weiter hinten knallte unterdessen der nächste Korken: Gestern war wieder Donnerstags-Demo, die 131. schon. Beim Treffpunkt am Heldenplatz wurde aber sofort deutlich: Nichts ist so wie sonst, die Regierung von ÖVP und FPÖ - und damit der Gegner - war abhanden gekommen, auch wenn sie nominell noch im Amt ist.
Am kürzesten drückte es ein Taferl aus, das einer der Demonstranten mit sich führte: "Tschüssl" war zu lesen. Und das musste gefeiert werden. Manche delektierten sich statt am Schaum- an Rotwein und forderten später den Sozialismus. Einer der Demonstranten begründete die fröhliche Stimmung: "Es gibt selten einen politischen Anlass zum Feiern."

Neben Feiern war aber auch Diskutieren angesagt: Die neue politische Situation, aber auch die Reaktion der Protestbewegung und der eigene Beitrag zum Ende der Koalition waren Themen. Eine Demonstrantin schlug beispielsweise vor, in offenen Foren die Anliegen des Protests zu artikulieren und die Parteien nach ihren Antworten auf diese Forderungen zu bewerten. Kurt Wendt, Sprecher des Aktionskomitees "Gegen Schwarz-Blau", kündigte jedenfalls an, die Donnerstagsdemos bis zu den Wahlen fortsetzen zu wollen.

Um das Thema dieser noch kommenden Protestmärsche machte sich der "Trommler" Sorgen, der einer der eifrigsten Manifestanten in den vergangenen rund zweieinhalb Jahren war und mit so manchem Polizisten seine - mittlerweile gerichtsanhängige - Privatfehde hegt: "Ich muss weinen: Uns kommen die Gegner abhanden." Sein schmunzelndes Gesicht machte die Aussage nicht unbedingt glaubwürdiger.

Unter den Sekttrinkern fand sich auch ein - lachender - KPÖ-Chef Walter Baier. Obwohl die Gruppierung ihren Richtung weisenden Parteitag auf diesen Herbst vorverlegt hat, kommt die Wahl nicht ungelegen, sagte er: "Alles was mit Politik und Aktion zu tun hat, ist gut."

Waren Schampus und Rebensaft neu für die Demos, so gab es auch Konstante: Zum Beispiel versuchten Vertreter diverser Gruppierungen wie immer ihre Publikationen an die Demonstranten loszuwerden: "Zur Feier des Tages an Ast (ArbeitnehmerInnenstandpunkt, Anm.)? Oida, lies amoi wos G'scheit's!"

Eine weitere Konstante war, dem Kanzler zu zeigen, was man von ihm hielt. Vor dem Bundeskanzleramt stand ein einsamer Manifestant und stemmte sein Transparent dem Wind entgegen. "Gestern für Abfangjäger sofort, heute für Aufschub: Falsch, machtgeil, verlogen - einfach Schüssel!" stand darauf.

Wolfgang Schüssel war überhaupt eines der Hauptziele: Unter Anspielung auf die Accessoires um den Hals des Kanzlers und ihren Wandel war auf einem weiteren Taferl zu lesen: "Das Mascherl drehte sich im Wind, noch biegsamer Krawatten sind!"

Einigen war etwas später schon zu frisch am Heldenplatz - sie drängten auf den Aufbruch zur ÖVP-Zentrale. Doch Kurt Wendt, der auf vielen der Demos dabei war und vor allem am Beginn als Sprecher des Widerstands fungierte, meinte: "Lass' uns no' a bisserl da bleiben, heut' is' so schön."

Schließlich setzte sich der Demo-Zug - gegenüber den vorangegangenen Protestmärschen waren wesentlich mehr Teilnehmer gekommen - zu den Klängen der "Internationalen" und Sprechchören wie "Haider, verpiss' dich" doch in Richtung ÖVP-Zentrale in Bewegung. Dort drückten sie mit den obligaten Trillerpfeifen und Schlüsseln ihr Missfallen aus. Schließlich ging es weiter zur FPÖ-Zentrale und zurück zum Ballhausplatz, wo in der kommenden Woche die Neuwahlen offiziell gefeiert werden sollen.(APA)