Vierte Szene

(Mrs. und Mr. Martin sitzen einander gegenüber, ohne zu
sprechen. Sie lächeln sich schüchtern zu. Der folgende Dia-
log soll mit schleppender, gleichförmiger, leicht singender
Stimme, ohne Nuancen vorgetragen werden.)

MR. MARTIN. Verzeihung, Madame, doch es scheint mir,
  wenn ich mich nicht irre, als wäre ich Ihnen bereits
  irgendwo begegnet.
MRS. MARTIN. Mir auch, Monsieur, mir scheint, als wäre
  ich Ihnen bereits irgendwo begegnet.
MR. MARTIN. Habe ich Sie nicht zufällig in Manchester
  gesehen, Madame?
MRS. MARTIN. Das wäre sehr gut möglich. Ich bin aus
  Manchester gebürtig. Aber ich erinnere mich nicht sehr
  gut, Monsieur. Ich wäre außerstande zu sagen, ob ich
  Sie dort gesehen habe oder nicht!
MR. MARTIN. Mein Gott, wie seltsam! Ich bin auch aus
  Manchester gebürtig, Madame!
MRS. MARTIN. Wie Seltsam!
MR. MARTIN. Wie sonderbar! Nur habe ich, Madame,
  Manchester vor ungefähr fünf Wochen verlassen.
MRS. MARTIN. Wie sonderbar! Welch ein Zusammenspiel!
  Ich habe Manchester, Monsieur, auch vor ungefähr
  fünf Wochen verlassen!
MR. MARTIN. Ich nahm den Zug eine halbe Stunde nach
  acht Uhr früh, der eine Viertelstunde vor fünf in Lon-
  don eintrifft, Madame.
MRS. MARTIN. Wie seltsam! Wie sonderbar! Welch ein
  Zusammenspiel! Ich nahm denselben Zug wie Sie,
  Monsieur!
MR. MARTIN. Mein Gott, wie sonderbar! Dann habe ich
  Sie, Madame, vielleicht in jenem Zug gesehen?
MRS. MARTIN. Das ist gut möglich, nicht ausgeschlossen,
  scheint mir plausibel, und warum nicht, vielleicht!
  Doch erinnere ich mich überhaupt nicht, Monsieur!
MR. MARTIN. Ich reiste zweite Klasse, Madame. In Eng-
  land besteht keine zweite Klasse, aber ich reise trotz-
  dem immer zweite Klasse.
MRS. MARTIN. Wie sonderbar! Wie seltsam! Welch ein
  Zusammenspiel! Ich reiste auch zweite Klasse, Mon-
  sieur!
MR. MARTIN. Wie sonderbar! Dann haben wir uns viel-
  leicht in zweiter Klasse getroffen, chère Madame!
MRS. MARTIN. Das ist sehr gut möglich und ganz und gar
  nicht ausgeschlossen. Doch ich entsinne mich nicht
  sehr gut, cher Monsieur!
MR. MARTIN. Mein Platz war im Wagen Nummer 8, sech-
  stes Abteil, Madame?
MRS. MARTIN. Wie sonderbar! Mein Platz war auch im
  Wagen Nummer 8, sechstes Abteil, cher Monsieur!
MR. MARTIN. Wie sonderbar und welch seltsames Zusam-
  menspiel! Vielleicht trafen wir uns im sechsten Abteil,
  chère Madame?
MRS. MARTIN. Das ist gut möglich, warum nicht! Aber ich
  entsinne mich dessen nicht, cher Monsieur!
MR. MARTIN. Tatsächlich entsinne ich mich dessen auch
  nicht, chère Madame, doch ist es möglich, daß wir uns
  dort gesehen haben, und wenn ich genau überlege, so
  scheint mir, daß es sogar wohl möglich ist!
MRS. MARTIN. Oh! Natürlich, gewiß, natürlich, Mon-
  sieur!
MR. MARTIN. Wie sonderbar! Ich hatte den Sitz Num-
  mer 3 beim Fenster, chère Madame.
MRS. MARTIN. Oh, mein Gott! Wie sonderbar! Wie selt-
  sam! Ich hatte den Sitz Nummer 6 beim Fenster, Ihnen
  vis-à-vis, cher Monsieur.
MR. MARTIN. Oh, mein Gott! Wie sonderbar! Welch ein
  Zusammenspiel! Wir saßen einander also vis-à-vis,
  chère Madame! Dort haben wir uns wohl sehen
  müssen!
MRS. MARTIN. Wie sonderbar! Das ist möglich, aber ich
  entsinne mich nicht mehr, Monsieur!
MR. MARTIN. Tatsächlich entsinne ich mich auch nicht
  mehr, chère Madame. Es ist jedoch sehr gut möglich,
  daß wir uns bei dieser Gelegenheit gesehen haben!
MRS. MARTIN. Gewiß, aber ich bin gar nicht sicher, Mon-
  sieur!
MR. MARTIN. Waren Sie nicht, chère Madame, jene Dame,
  welche mich bat, ihren Koffer ins Netz zu befördern,
  die sich hierauf bedankte und mir das Rauchen er-
  laubte?
MRS. MARTIN. Aber doch, das könnte ich gewesen sein,
  Monsieur! Wie sonderbar! Wie sonderbar! Und welch
  ein Zusammenspiel!
MR. MARTIN. Wie sonderbar! Wie seltsam und welch ein
  Zusammenspiel! Dann, dann haben wir uns vielleicht in
  jenem Moment kennengelernt, Madame?
MRS. MARTIN. Wie sonderbar und welch ein Zusammen-
  spiel! Das ist gut möglich, cher Monsieur! Dennoch
  glaube ich nicht, mich dessen zu entsinnen.
MR. MARTIN. Ich auch nicht, Madame! (Pause. Die Wand-
  uhr schlägt 2-1.) Seit ich in London eintraf, chère Ma-
  dame, wohne ich an der Bromfieldstreet.
MRS. MARTIN. Wie seltsam! Wie sonderbar! Seit meiner
  Ankunft in London wohne ich auch an der Bromfield-
  street, cher Monsieur.
MR. MARTIN. Wie sonderbar! Aber dann, aber dann sind
  wir einander vielleicht an der Bromfieldstreet begegnet,
  chère Madame.
MRS. MARTIN. Wie seltsam! Wie sonderbar! Das ist gut
  möglich, warum nicht! Doch ich entsinne mich dessen
  nicht, cher Monsieur.
MR. MARTIN. Ich wohne Nr.19, chère Madame!
MRS. MARTIN. Wie sonderbar! Ich wohne auch Nr.19
  cher Monsieur!
MR. MARTIN. Aber dann, aber dann, aber dann, aber dann
  haben wir uns vielleicht in diesem Haus gesehen, chère
  Madame?
MRS. MARTIN. Das ist sehr gut möglich, doch entsinne ich
  mich dessen nicht, cher Monsieur.
MR. MARTIN. Meine Wohnung ist im fünften Stock und
  trägt die Nr. 8, chère Madame!
MRS. MARTIN. Wie ist das seltsam, mein Gott! Wie sonder-
  bar! Welch ein Zusammenspiel! Ich wohne ebenfalls im
  fünften Stock in der Wohnung Nr. 8, cher Monsieur!
MR. MARTIN (nachdenklich). Wie sonderbar! Wie sonder-
  bar! Wie sonderbar! Und welch ein Zusammenspiel!
  Wissen Sie, in meinem Schlafzimmer steht ein Bett.
  Dieses Bett hat eine grüne Federdecke. Das Zimmer mit
  dem Bett und der grünen Federdecke befindet sich am
  Ende eines Ganges, zwischen dem Klosett und der Bi-
  bliothek, chère Madame!
MRS. MARTIN. Welch ein Zusammenspiel! Ach, mein
  Gott, welch ein Zusammenspiel! Mein Schlafzimmer
  enthält auch ein Bett mit einer grünen Federdecke und
  befindet sich auch am Ende des Ganges zwischen dem
  Klosett, cher Monsieur, und der Bibliothek!
MR. MARTIN. Wie unbegreiflich seltsam, sonderbar! Ma-
  dame, dann wohnen wir also im gleichen Zimmer und
  schlafen im gleichen Bett, chère Madame. Vielleicht ha-
  ben wir uns dort getroffen!
MRS. MARTIN. Wie seltsam! Und welch ein Zusammen-
  spiel! Das ist gut möglich, daß wir uns dort getroffen
  haben, und vielleicht sogar letzte Nacht. Doch dessen
  entsinne ich mich keineswegs, cher Monsieur!
MR. MARTIN. Ich habe eine kleine Tochter, mein Töchter-
  chen, sie wohnt bei mir, chère Madame. Sie ist zwei
  Jahre alt, ist blond, hat ein weißes und ein rotes Auge,
  sie ist sehr hübsch und heißt Alice, chère Madame.
MRS. MARTIN. Welch sonderbares Zusammenspiel! Auch
  ich habe eine kleine Tochter, sie ist zwei Jahre alt, hat
  ein weißes und ein rotes Auge, ist sehr hübsch und heißt
  auch Alice, cher Monsieur!
MR. MARTIN (mit derselben schleppenden, monotonen
  Stimme). Wie seltsam! Und welch ein Zusammenspiel!
  Wie sonderbar! Das ist vielleicht die gleiche, chère Ma-
  dame!
MRS. MARTIN. Wie sonderbar! Das ist gut möglich, cher
  Monsieur.
  (Ein ziemlich langes Schweigen. Die Wanduhr
  schlägt neunundzwanzigmal.)
MR. MARTIN. (Nach langem Nachdenken steht er auf, ohne
  sich zu beeilen, und geht langsam auf Mrs. Martin zu.
  Diese, von der feierlichen Miene ihres Gatten über-
  rascht, hat sich ebenfalls ganz sachte erhoben. Mr. Mar-
  tin hat immer noch die gleiche seltene, leicht singende,
  monotone Stimme.) In diesem Falle, chère Madame,
  steht es außer Zweifel: Wir haben uns bereits einmal
  gesehen, und Sie sind meine eigene Gattin... Elisa-
  beth, ich habe dich wieder!
  (Mrs. Martin nähert sich ihrem Gatten ohne Hast. Die
  beiden küssen sich ausdruckslos. Die Wanduhr schlägt
  einmal sehr laut. Ihr Schlag soll so laut sein, daß die
  Zuschauer aufschrecken. Das Ehepaar Martin hört
  nichts.)
MRS. MARTIN. Donald, bist du's, Darling!
  (Sie setzen sich auf den gleichen Fauteuil, halten sich
  umschlungen und schlafen ein. - Die Wanduhr schlägt
  noch einige Male.)




Fortsetzung...